Mythos Osten - Klischee. Konflikt. Klartext.

Ostimist Joerg Fieback zu Gast beim ersten Chemnitzer Neujahrsgespräch

Die neue Veranstaltung "Chemnitzer Neujahrsgespräch" im Carlowitz Congresscenter Chemnitz wurde gemeinsam von Chemnitzer Service-Clubs initiiert, durch die C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH veranstaltet und von der Sparkasse Chemnitz als Hauptsponsor ermöglicht. Unter dem Thema "Mythos Osten - Klischee. Konflikt. Klartext." kamen Prof. Dr. Dirk Oschmann im Eröffnungsimpuls und Unternehmerin Viola Klein, zebra-Geschäftsführer Joerg G. Fieback und Gerd Martin, Geschäftsführer CARALUX zur Podiumsdiskussion zusammen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Journalistin Alexandra Gerlach, ehemalige Leiterin des Landesstudio Sachsen vom Deutschlandradio.

Das Neujahresgespräch brachte verschiedene Stimmen zusammen und lies sie miteinander ins Gespräch kommen. Eröffnet wurde der Abend durch das Grußwort von Lars Bergmann, Präsident 2025/2026 des Rotary Club Chemnitz-Schlossberg sowie CEO von VIADUCT TECHNOLOGIES.

Er betonte die Relevanz eines Formats, in dem die Gäste miteinander sprechen und nicht übereinander. Der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze unterstrich die Wichtigkeit des Abends mit den Worten: "Das ist so ein bisschen eine Leitlinie auf der Diskussion, die ich mir wünsche, auch für manch andere politische oder gesellschaftliche Diskussion. Man muss nicht immer einer Meinung sein, eine Vielfalt ist wichtig, aber man sollte die Perspektive des Anderen zumindest anhören, respektieren und versuchen, sich mit seiner Sichtweise ihre Sichtweise und der Perspektive auseinanderzusetzen."

"Ich habe festgestellt, man redet oftmals übereinander und zu wenig miteinander."

Chemnitzer-Neujahrsgespraech-Lard-Bergmann
Lars Bergmann, Präsident 2025/2026 Rotary Club Chemnitz-Schlossberg

Chemnitz trug im vergangenen Jahr 2025 den Titel der Kulturhauptstadt Europas. Das Kulturhauptstadtjahr ist Paradebeispiel dafür, wie sich der Blick auf etwas wie die Stadt Chemnitz ins Positive verändern kann. Die Präsentation von Sybille Sonntag, Leiterin Sponsoring & Vertriebsmarketing bei Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025, erinnerten an die tollen Projekte und die begeisterten Besucher:innen, die einen Ort kennenlernten, den sie bisher nicht kannten oder nicht mal wussten, dass dieser in Sachsen liegt.

Prof. Dr. Dirk Oschmann spricht innerhalb seines Implusvortrags über sein Spiegel-Bestseller-Buch "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung: Wie die Konstruktion des Ostens unsere Gesellschaft spaltet". Er betont, dass für viele Ostdeutsche 1990 zugleich Befreiung als auch Verlust darstellte: von Arbeit, Anerkennung und biografischer Sicherheit. Während der Westen Demokratie über Jahrzehnte als Erfolgsgeschichte erleben konnte, startete der Osten unter Bedingungen von Entwertung und Anpassungsdruck. "Diese unterschiedlichen Erfahrungen," so Oschmann, "prägen das Land bis heute."

"Und niemand darf über irgendeine andere gesellschaftliche Gruppe so reden, wie über die Ostdeutschen bis heute gesprochen wird."

Chemnitzer Neujahrsgespraech Prof Dirk Oschmann
Prof. Dr. Dirk Oschmann (Universität Leipzig)

Innerhalb einer Podiumsdiskussion kamen Viola Klein, Joerg G. Fieback und Gerd Martin zusammen und teilten ihre persönlichen Einblicke auf die Zeit nach dem Mauerfall. Viola Klein beschrieb den Wandel der frühen 90er-Jahre aus ihrer Perspektive als Frau, Mutter und Ostdeutsche. Dabei erzählte sie von ihren ersten Verbindungen in die IT-Branche, die sie über den Verein "Informatik für Frauen" erhalten hatte. Gemeinsam wollten sie Frauen nach der Kinderzeit helfen, einen Einsteig in das Berufsleben zu finden. Auch Fieback und Martin knüpfen daran an. Gerd Martin erzählt von seinem Weg aus einer Garagengründung hin zu einem erfolgreichen Unternehmen.

"Wer den Osten stärken will, darf die Herkunft nicht als Stigma, sondern muss sie als Kompetenz begreifen. Wir brauchen mehr Ostimismus – nicht als rosarote Brille, sondern als kraftvolles Standortmarketing, das Erfolgsgeschichten mutig nach vorne erzählt. Und lasst diese Geschichten auch medial in Deutschland ankommen."

Neujahrsgespraech Ost Viola Klein
Viola Klein, erfolgreiche Unternehmerin aus Sachsen, Honorarkonsulin der Republik Finnland in Sachsen, Mitglied im Hauptvorstand BITKOM, Aufsichtsrat BMP, Vorsitzende Verwaltungsrat Hope Kapstadt Stiftung, stellvertretende Vorsitzende Semperopernstiftung

Ebenfalls stellten Themen wie die sogenannte "Ost-Identität" und die Bedeutung des "Ostimismus" eine Rolle innerhalb des Gesprächs. "Was mir aber an der Diskussion wichtig ist, dass wir diesen Rückspiegelblick, den es immer wieder braucht, dass wir den auch mal umkehren. Mit den vielen guten Geschichten, die wir haben. Mit mehr Mut der Menschen und dass wir die Möglichkeiten einfach nutzen, die sich uns bieten, weil das gehört auch dazu. Und deswegen haben wir auch diesen Begriff Ostimismus geprägt", so Fieback.

Chemnitz Neujahrsgespraech Joerg Fieback Und Alexandra Gerlach
Joerg G. Fieback im Gespräch mit Alexandra Gerlach

Alexandra Gerlach: Mit welchen Erwartungen haben Sie den Aufbruch nach dem Mauerfall erlebt? Was haben Sie sich damals erhofft, und was ist eingetreten?

Joerg Fieback: Der Mauerfall war für mich, wie für viele meiner Generation, weniger ein politischer Umbruch als ein existenzieller. Wir waren plötzlich Akteure in einem Spiel, dessen Regeln wir nicht kannten – und das auch niemand erklären wollte. Natürlich war da Hoffnung. Auf Teilhabe. Auf Chancengleichheit. Auf das, was immer mit "Freiheit" versprochen wurde. Eingetreten ist viel. Aber eben nicht alles. Die Freiheit kam, aber mit ihr auch die Unsicherheit. Die Möglichkeiten – aber auch das Gefühl, dass viele Türen schon zu waren, bevor man sie überhaupt gefunden hatte. Ich habe gelernt, dass man sich Chancen nicht nur erarbeiten, sondern oft auch selbst erschaffen muss. Und genau das wurde zur Triebfeder.

AG: Hat Prof. Dr. Oschmann recht mit seiner These, dass der Osten sozusagen kolonialisiert wurde vom Westen? Dass die Aufstiegschancen für Ostdeutsche bis heute durch Wessis blockiert werden?

JF: Für mich ist "Kolonialisierung" nicht das richtige Wort. Aber ich verstehe die Motivation hinter der Wortwahl. Der Autor nutzt die gezielte Überspitzung, um sich Gehör zu verschaffen. Wir würden an diesem Abend einen großen Fehler machen, wenn wir uns daran hochziehen.

Ich formuliere es mal mit etwas leiseren Worten: Es war keine Wiedervereinigung, sondern eine Angliederung.

Und zwar eine, bei der die einen mit Erwartungen kamen, während die anderen mit fertigen Plänen. Der Westen hat nach der Wende nicht nur Kapital und Know-how gebracht, sondern auch Deutungshoheit – wirtschaftlich, kulturell, institutionell. Unternehmen wurden abgewickelt, Produktionsmittel entwertet, Eigentum umverteilt, inklusive ganzer Straßenzüge in unseren attraktiven Top-Metropolen wie Leipzig, Dresden, Erfurt etc. – selten bis gar nicht mit Beteiligung der Menschen vor Ort. Die Treuhand hat in kürzester Zeit entschieden, was erhaltenswert ist und was nicht – und damit auch wem welche Chancen bleiben. BTW: die Treuhand ist bis heute ein unzureichend aufgearbeitetes Kapitel. Warum eigentlich? Weil es einen Schatten auf die Euphorie der Wiedervereinigung werfen würde? Bis heute wirkt das nach. Denn wer damals keine Basis hatte – kein Netzwerk, kein Startkapital, keine Stimme – hat oft auch heute keine Position, in der Entscheidungen getroffen werden.

Ich sage nicht, dass Ostdeutsche keine Kompetenz hätten. Im Gegenteil. Aber sie sitzen bis heute zu selten dort, wo Weichen gestellt werden. Nicht, weil ihnen etwas fehlt – sondern, weil ihnen oft der Zugang fehlt. Oschmann spricht also einen Punkt an, den viele lange gespürt haben, ohne ihn klar benennen zu können. Seine Wortwahl mag polarisieren, aber die Dynamik dahinter ist real: strukturelle Ungleichgewichte, die nicht aus Missverständnissen entstanden sind, sondern aus systematischen Prozessen. Und die bis heute Talent, Motivation und Identifikation ausbremsen.

AG: Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Umfeld damit gemacht? Welche Chancen haben sich für Sie durch den Mauerfall ergeben? Wie haben Sie diese umsetzen und nutzen können?

Jf: Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten mutige Schritte zu gehen. Die Gründung von zebra war ein Akt des Gestaltens – in einer Zeit, in der viele im Osten eher verwaltet als ermächtigt wurden. Wir haben unser eigenes Spielfeld geschaffen, weil das Spielfeld der anderen verschlossen blieb. Aber: Das war kein Geschenk, das war Arbeit. Und auch ein Stück Trotz. Was mich bis heute antreibt, ist der Gedanke: Wenn du nicht eingeladen wirst, bau deinen eigenen Tisch. Und lade andere ein.

AG: Oschmann spricht auch davon, dass den Ostdeutschen eine Ost-Identität „auferlegt“ worden sei. Stimmt das? Sehen Sie das genauso? Und was macht diese „Ost-Identität“ aus? Wie würden Sie diese definieren?

JF: Ja, die Ost-Identität ist lange von außen beschrieben worden – oft reduziert auf Opferrolle, Rückständigkeit oder Frust. Aber – und hier habe ich eine ganz andere Meinung als der Professor – es gibt eine Ost-Identität. Und sie ist kein Etikett, sondern ein Erfahrungshorizont.

Für mich besteht sie aus:

  • gelebtem Wandel
  • hoher Anpassungsfähigkeit
  • einem tiefen Pragmatismus
  • und einer realistischen Weltsicht, die nicht gleich verzweifelt, wenn’s knirscht

AG: Wie unterscheiden sich West- und Ostdeutsche heute noch? Macht diese Unterscheidung überhaupt noch Sinn?

JF: Die Unterscheidung ist unbequem - aber sie ist noch nötig. Warum? Weil sie sichtbar macht, wo Strukturen nach wie vor Ungleichheit produzieren. Weil sie zeigt, dass Herkunft in Deutschland nach wie vor eine Rolle spielt - sogar in Chefetagen, Förderentscheidungen, kultureller Repräsentation. Gleichzeitig wünsche ich mir eine Zukunft, in der die Unterscheidung irgendwann irrelevant wird. Aber dafür müssen wir sie heute noch benennen dürfen - sonst bleibt sie eine unsichtbare Barriere. Ich wünsche mir eine entspanntere Sicht auf Ost-Identität. Wir sollten sie nicht als den Gegenentwurf zum Westen verstehen - sondern als etwas Eigenes. Nicht defensiv, nicht trotzig, sondern selbstverständlich. Eine Identität, die nicht durch Abgrenzung lebt, sondern durch Erfahrung, durch Haltung, durch das Wissen, dass man Wandel nicht nur überstanden, sondern aktiv gestaltet hat. Wenn wir es schaffen, den Osten nicht mehr dauernd zu erklären, sondern einfach zu leben - dann sind wir wirklich weiter.

"Ostimismus ist genau daraus entstanden: aus dem Willen, sich nicht länger definieren zu lassen, sondern selbst zu erzählen, wer wir sind. Mit Stolz, aber ohne Pathos. Mit Klarheit, aber auch mit Humor."

Chemnitzer Neujahrsgespräch
Joerg G. Fieback, Mitgründer und Geschäftsführer zebra | group

AG: Schaut man sich die politische Deutschlandkarte nach Wahlergebnissen an, so sehen wir eine klare Zweiteilung – die AfD ist vor allem im Osten flächendeckend aktiv und erfolgreich. Wie erklären Sie das?

JF: Ich danke ihnen für diese Frage nach der AfD. Sie wird nämlich reflexartig mit dem Osten verklebt und manifestiert die oberflächliche Sicht auf Ost Und West bis heute. Es wird dabei übersehen, wie sehr das Problem längst bundesweit gewachsen ist. Ich werde in meiner Antwort die ost-spezifische Analyse nicht leugnen, will aber gleichzeitig die billige Regionalisierung des Problems zurückweisen. Ja, die AfD hat im Osten besonders hohe Zustimmungswerte – das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber wir sollten sehr genau hinschauen, warum das so ist und warum es zu kurz greift, das als rein ostdeutsches Phänomen zu behandeln. Im Osten treffen mehrere Dinge aufeinander: eine tiefe Transformationserfahrung, ein Vertrauensverlust in Institutionen, strukturelle Benachteiligung, und das Gefühl, seit Jahrzehnten zwar Thema zu sein, aber nicht gehört zu werden. Das schafft Räume für populistische Erzählungen – gerade da, wo Dialog durch Abwertung ersetzt wurde.

Aber machen wir uns nichts vor: Die AfD wächst auch im Westen – und zwar rasant. Sind das dann alles Ostdeutsche? Wohl kaum.

Die Ursachen reichen tiefer: Demokratieferne, Elitenmisstrauen, soziale Unsicherheit, kulturelle Entfremdung. Das sind keine regionalen Probleme, sondern gesellschaftliche. Der Osten war vielleicht der Seismograph. Aber das Beben betrifft uns alle. Deshalb: Ja, wir müssen die ostdeutsche Perspektive ernst nehmen. Aber wir sollten aufhören, sie zum Sündenbock zu machen für eine Entwicklung, die längst in der Mitte der Republik angekommen ist.

AG: Glauben Sie, dass der Osten durch die harte Phase der Transformation heute resilienter ist, im Umgang mit den aktuellen, vielfältigen Krisen?

JF: Ja. Weil wir Transformation nicht als PowerPoint-Folie kennen, sondern als Lebenserfahrung. Wir wissen, wie es ist, wenn Sicherheiten wegbrechen. Wenn man neu anfangen muss. Darin liegt eine Stärke, die heute wertvoller ist denn je. Ich nenne das den „kulturellen Muskel“ der Ostdeutschen. Und den sollten wir endlich als das begreifen, was er ist: ein strategischer Vorteil.

AG: Was kann der Westen vom Osten lernen?

JF: Vielleicht:

  • wie man Dinge macht, auch wenn niemand applaudiert
  • wie man Wandel nicht nur aushält, sondern aktiv gestaltet
  • wie man eine Region mit Haltung statt nur mit Hochglanzbildern auflädt
  • und wie man Widerspruch nicht sofort als Angriff versteht, sondern als Einladung zum Dialog

Am Ende geht’s nicht um West oder Ost – sondern um die Frage, wie wir Zukunft gemeinsam gestalten. Aber: Das geht nicht ohne gerechte Repräsentanz, ehrliche Sprache – und den Mut, die alten Schubladen endlich zu zerlegen.

AG: Braucht der Osten eine Image-Kampagne? Damit die guten Geschichten gehört werden?

JF: Nein, wenn wir unter „Kampagne“ nur Hochglanz-Plakate, Imagefilme und Slogans verstehen. Was der Osten braucht, ist keine Werbeidee. Sondern eine Haltungsänderung in der Wahrnehmung. Und dafür braucht es etwas Tieferes: eine Kampagne von Denkanstößen, echten Geschichten, positiver Irritation. Aber gleichzeitig: Ja.

Ja, wenn wir Image-Kampagne so verstehen, dass sie Ressourcen schafft für Sichtbarkeit. Denn Aufmerksamkeit ist keine natürliche Ressource – sie ist ungleich verteilt. Und in einer Gesellschaft, in der Sichtbarkeit Macht bedeutet, braucht es eben mehr als ehrenamtlichen Ostimismus, um neue Narrative zu etablieren. Wir brauchen mediale Reichweite. Wir brauchen Netzwerke. Wir brauchen Bühne. Und ja, wir brauchen Geld. Die Bundesregierung finanziert vieles, was für den sozialen Zusammenhalt wichtig ist. Warum nicht auch ein Sichtbarkeitsprogramm für ostdeutsche Perspektiven, Geschichten, Talente? Nicht als PR-Maßnahme, sondern als Teil demokratischer Repräsentanz. Denn solange die guten Geschichten ungehört bleiben, dominiert weiter das alte Bild. Und das war nie vollständig. Und selten fair.

Bilder (c) Kai de Vorner & Jörg Rahnfeld

Chemnitzer Neujahrsgespräch
v.l.n.r. Alexandra Gerlach (Moderatorin), Daniel Neuer (Governor 2025/2026 Rotary Distrikt 1880), Joerg G. Fieback (Mitgründer und Geschäftsführer zebra | group), Viola Klein (geschäftsführende Gesellschafterin Saxonia Systems Holding GmbH), Günter Spielmann (Governor 2025/2026 Lions Distrikt 111 – Ost-Süd) , Lars Bergmann (Präsident 2025/2026 Rotary Club Chemnitz-Schlossberg), Gerd Martin (CARALUX GmbH), Prof. Dr. Dirk Oschmann (Universität Leipzig)

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