Ostimismus heißt auch:
Talentförderung neu denken.

Abgelegt in: Interview

Lesezeit: 9 Minuten

Autor:in: Leon Luca Fieback

Ein Gespräch über fehlende Netzwerke, ungenutztes Potenzial und die Idee, mit dem ersten Begabtenförderwerk für den Osten neue Chancen für junge Talente zu schaffen.

Auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Studierende und Auszubildende aus Ostdeutschland in Begabtenförderwerken massiv unterrepräsentiert. Nur 12 Prozent der Führungskräfte in Deutschland stammen aus dem Osten, obwohl 20 Prozent der Bevölkerung dort geboren wurde. Beatrice von Braunschweig, Richard Künzel, Uli Prantz und Kerstin Günther wollen das ändern: Mit der Initiative Studienstiftung des Ostens bauen sie ein regionales Stipendienprogramm auf, das Talente finanziell und ideell fördert und ein starkes Netzwerk aus zukünftigen Verantwortungstragenden schafft.

Joerg Fieback, CEO und Co-Founder der zebra group, lernte Beatrice und Richard 2024 beim MACHN Festival in Leipzig kennen. Die Idee eines eigenen ostdeutschen Begabtenförderwerks hat ihn sofort gepackt. Denn als ostdeutscher Unternehmer setzt er sich für die Stärkung der Region ein. Er prägt den Begriff „Ostimismus“ und appelliert damit an Mut, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit der Ostdeutschen. Deshalb freut es uns als zebra group besonders, das Team beim Naming und dem Corporate Design pro bono als Sparrings- und Kommunikationspartner unterstützt zu haben.

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Im Gespräch mit Joerg Fieback erzählen Beatrice und Richard von fehlenden Netzwerken, falscher Bescheidenheit und einer Initiative, die dem Osten sein eigenes Begabtenförderwerk geben will.

Beatrice von Braunschweig ist in Halle (Saale) geboren und arbeitet als freie Journalistin und Moderatorin. Vor ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München studierte sie Politikwissenschaft in Lüneburg und Paris. 2021 gründete sie mit einem Team das N5 Symposium, eine Studierendenkonferenz für Ostdeutschland, bei der sie junge Menschen mit führenden Persönlichkeiten der neuen Bundesländer zusammenbrachte. Weil sie immer wieder feststellt, dass in wichtigen Gremien Ostdeutsche fehlen, gründet sie jetzt die Initiative Studienstiftung des Ostens.

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Richard Künzel ist Doktorand der Psychologie an der TU Dresden in Zusammenarbeit mit der Harvard School of Public Health. Als Erster in seiner Familie studierte er über den zweiten Bildungsweg, gefördert durch ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. In internationalen Nachwuchsnetzwerken war er immer wieder der einzige Ostdeutsche, ein Kontrast zu dem Potenzial, das er in seiner Heimatregion sieht. Um mehr jungen Menschen aus Ostdeutschland Entwicklungschancen zu eröffnen, gründet er die Initiative Studienstiftung des Ostens.

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Das vollständige Gespräch gibt es auch als Audiobeitrag zum Anhören:

Audiobeitrag Studienstiftung Des Ostens

Beatrice, du bist Journalistin, Nachwendekind aus Halle (Saale). Mit dem N5 Symposium hast du eine Konferenz ins Leben gerufen, von jungen Menschen für junge Menschen. Jetzt baust du eine Stiftung mit auf. Was treibt dich an?

Beatrice: Das N5 Symposium und die Studienstiftung des Ostens hängen für mich persönlich eng zusammen. Als ich das Symposium 2021 mit anderen Studierenden gegründet habe, waren wir auf der Suche nach ostdeutschen Führungskräften für unser Programm. Unser Ziel war, Vorbilder zu zeigen: „Hey, guck mal, da gibt es coole Leute, sprecht sie an, vernetzt euch.“

Und dann haben wir festgestellt: Ganz schön schwer, die zu finden. Es war wie die Nadel im Heuhaufen. Da blieb das Gefühl zurück: Es sind echt wenig ostdeutsche Menschen in Führungspositionen. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich gesagt: Es kann nicht dabei bleiben. Deshalb habe ich mit Richard, Uli Prantz und Kerstin Günther die Initiative Studienstiftung des Ostens gegründet.

Richard, du bist im Vogtland aufgewachsen, erster Akademiker in deiner Familie, dann Harvard. Die Idee zur Studienstiftung ist dort entstanden. Erzähl mal: Warum gibt es das nicht hier im Osten?

Richard: Aus dem Vogtland zu kommen, Sachse zu sein, Ostdeutscher zu sein, Netzwerke zu haben: Das ist mir auf dieser Reise erst wirklich bewusst geworden. Ich bin der Erste aus meiner Familie, der es ins Studium geschafft hat. Das war nicht selbstverständlich, ist immer eine finanzielle Frage und eine Frage, ob man sich das zutraut.

Dann hatte ich das Glück, ein Stipendium zu bekommen, das mir unfassbar viel Freiheit gegeben hat. Ein Praktikum, das ich ohne finanzielle Unterstützung nie hätte machen können, hat mir die Tür zu meinem heutigen Doktorvater geöffnet, der mich ermutigt hat, ins Ausland zu gehen. So kam ich in die USA.

Und dort habe ich festgestellt: Es gibt ganz viele Deutsche an den internationalen Top-Unis. An Harvard ist Deutschland nach China die zweitgrößte Gruppe unter den internationalen Studierenden. Aber ich war unfassbar häufig der einzige Ostdeutsche. Obwohl wir exzellente Bildungssysteme haben: Sachsen und Thüringen sind bei PISA immer ganz oben. Das sächsische Abitur gehört zu den schwersten. Wirklich hohe Leistungsdichte, ganz viel Potenzial, aber in die Top-Positionen schafft es kaum jemand.

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13 Begabtenförderwerke gibt es in Deutschland, getragen von Parteien, Kirchen und Wirtschaftsverbänden. Warum kommen die bei ostdeutschen Studierenden nicht an?

Richard: Es sind ganz verschiedene Gründe. Die Begabtenförderwerke existieren teilweise seit 100 Jahren und bilden die Gesellschaft ab, wie sie damals gedacht wurde: Wirtschaft, Religionsgemeinschaften, Parteien. In Ostdeutschland haben diese drei Sektoren historisch bedingt einen schweren Stand. Parteien sind gesellschaftlich nur wenig verankert, die Kirchen sind seit Jahren eher leer und große Unternehmen fehlen.

Das heißt: Jemanden zu motivieren, sich bei politischen oder konfessionellen Förderwerken zu bewerben, ist hier schlicht sehr schwer. Ganz wichtig dabei: Diese Entwicklung ist eine gesellschaftliche und kein Abbild der Arbeit der Förderwerke. Denn zu den Gründen gehört auch: Im Osten bevorzugen mehr junge Menschen eine Ausbildung – diese wird aber erst seit wenigen Jahren im kleinen Rahmen gefördert.

Beatrice: Gleichzeitig muss man sagen: Die Stipendienlandschaft in Deutschland ist ein großes Privileg. Nur 1 Prozent aller Studierenden bekommt ein Stipendium durch Bundesmittel. Und Stipendien wirken, das ist belegt.

Schon 2020 hat eine von der Bundesregierung beauftragte Kommission festgestellt: Wir brauchen ein Begabtenförderwerk für Ostdeutschland. Dieser Vorschlag ist leider in der Schublade verschwunden. Genau deshalb setzen wir jetzt um, was damals schon vorgeschlagen wurde.

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Der Punkt ist: Nach der Wende hat man kein eigenes Begabtenförderwerk in Ostdeutschland aufgebaut, sondern das westdeutsche Konzept einfach übernommen. Ob das funktioniert? Jein.”

Beatrice von Braunschweig , Co-Founder der Initiative Studienstiftung des Ostens, freie Journalistin und Moderatorin

Kann auch ein Grund darin liegen, dass sich ostdeutsche Studierende ein Stipendium gar nicht zutrauen?

Richard: Absolut, das ist ein Riesenpunkt. Mut geht immer mit Risikobereitschaft einher, und die ist unter Ostdeutschen nachweislich geringer ausgeprägt. Das ist historisch gewachsen: „Halt den Kopf nach unten, du bist einer von vielen.“ Eine Bescheidenheit, die im Privaten eine schöne Eigenschaft ist, aber in einer Aufmerksamkeitsökonomie nicht weiterhilft.

Wenn junge Menschen mutig sind und sich entwickeln wollen, brauchen sie ein Sprungbrett. Das Problem: Aktuell besteht dieses Sprungbrett aus Institutionen, die ihnen fremd sind. Man weiß nicht, wohin die einen katapultieren. Wir wollen ein Sprungbrett bauen, das ihnen nicht fremd ist, wo sie sagen: „Ich fühl mich dazugehörig, ich fühl mich aufgehoben.“

Wir haben gemeinsam am Naming gearbeitet. Es stand schnell fest, dass „Osten“ gesetzt war. Warum habt ihr euch getraut, das so prominent reinzuschreiben?

Richard: Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, den Osten auch so zu benennen. Was verbindet die Gesellschaft aktuell mit dem Wort „Osten“? Dirk Oschmann hat es in seinem Buch sehr schön seziert: Osten ist grundsätzlich erst mal negativ belegt, nicht nur in Deutschland, sondern international.

Aber uns war wichtig zu sagen: Wir haben aktuell als Region keinen guten Selbstwert, keine Selbstwirksamkeit. Das wollen wir zurückbringen. In anderen Regionen scheut man sich auch nicht: Da gibt es die Studienstiftung Saar oder das Elitenetzwerk Bayern. Wir haben uns bewusst gegen „Ostdeutschland“ entschieden, weil wir die Region fördern wollen und kein vergangenes politisches Konzept. Der Osten ist für uns eine Himmelsrichtung, aber eine, die eine große Bedeutung hat.

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Euer Vorbild ist das Elitenetzwerk Bayern. Warum?

Richard: Weil es sehr gut funktioniert. Es war genau das, was wir langfristig aufbauen wollen: eine regionale Förderung, die die bundesweite Förderlandschaft integriert. Kein ostdeutsches Silo, kein „Wir beschäftigen uns mit uns selbst“, sondern eine selbstbewusste Förderung, die auch breit im ländlichen Raum vertreten und trotzdem bundesweit und international vernetzt ist.

Eine Kollegin von mir, die ich in New York kennengelernt habe, kommt ursprünglich aus Bonn, ging nach Bayern, bekam über das Max-Weber-Programm ein Gründerstipendium und konnte ihren Master an der Columbia machen. Heute sagt sie öffentlich: Ohne den Freistaat Bayern hätte ich das nie geschafft, ich gehe zurück nach München und gründe mein Startup. Diese emotionale Verbindung zu der Struktur, die dich fördert, die verlierst du nie. Genau das wollen wir für den Osten schaffen.

Wen wollt ihr fördern, und was bekommen eure Stipendiat:innen außer Geld?

Beatrice: Grundsätzlich wollen wir Auszubildende und Studierende fördern, die sich entweder biografisch oder mit ihrem Engagement mit Ostdeutschland identifizieren. Wer hier studiert, eine Ausbildung macht oder bewusst Bock hat, an einem ostdeutschen Standort etwas aufzubauen, ist willkommen.

Für uns besteht ein richtig gutes Stipendium aus drei Säulen:

  1. die finanzielle Unterstützung, die den Druck nimmt, neben dem Studium jobben zu müssen.
  2. das ideelle Programm: Sprachkurse, Akademien am Wochenende, Möglichkeiten ins Ausland zu gehen.
  3. das Wichtigste: das Netzwerk. Dass die Leute sich kennenlernen, merken, dass jemand eine ähnliche Idee hat, dass man zusammenarbeiten kann.

Ich sag immer: „They come for the money, stay for the program, and grow through the connections.“ Als Student:in locken 300 Euro pro Monat natürlich. Aber der ganze Rattenschwanz dahinter ist noch viel mehr wert. Das Geld ist kurzfristig, die Kontakte sind langfristig.

Wie finanziert ihr euch?

Richard: Wichtig zu wissen: Wir haben noch keine Stiftung gegründet. Wir sind die Initiative für die Stiftungsgründung, sozusagen das Speedboat, das sagt: Hier muss was passieren. Unsere Anschubfinanzierung kam von JointPolitics und von der Robert-Rothe-Stiftung. Das ist komplett privat finanziert, mit einem ehrenamtlichen Team von 15 bis 20 Leuten.

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Wir bereiten alles vor, damit die ostdeutschen Bundesländer sagen können: Danke für eure Vorarbeit. Wir sind im besten Sinne der Steigbügelhalter. Talente interessieren sich nicht für Ländergrenzen, und die Talentförderung sollte genauso gedacht werden.”

Richard Künzel, Mitgründer der Initiative Studienstiftung des Ostens, Doktorand in Harvard und Dresden

2028 sollen die ersten Stipendiat:innen aufgenommen werden. Was muss bis dahin noch passieren?

Richard: Wir sind unfassbar zuversichtlich. Nicht, weil alles fantastisch läuft, es ist wirklich ein Rollercoaster. Jeder, der mal gegründet hat, weiß das. An einem Tag geht es steil bergauf, am nächsten fragt man sich, ob es überhaupt noch weitergeht. Aber wir glauben daran, dass es funktionieren wird. Ob es genau 2028 wird, zeigt die Zeit.

Beatrice: Die größte Herausforderung wird, mündliche Zusagen in Unterschriften zu verwandeln und gleichzeitig ein Programm zu bauen, das wirklich einen Unterschied macht. Was brauchen junge Menschen, was nicht an der Uni oder in der Berufsschule vermittelt wird? Welche Skills sind in der Berufswelt der Zukunft entscheidend? Daran arbeiten wir intensiv.

Über wie viele Stipendiat:innen reden wir?

Richard: Die Zahl spielt erst mal keine Rolle. Wichtig ist, dass das Programm gut ist. Wenn es gut ist, sind die ersten 10, 20, 30 total wertvoll. Es geht nicht darum, jemanden als „würdig“ oder „nicht würdig“ zu beurteilen, sondern darum, Entwicklungspotenzial zu erkennen. Und wenn das Programm steht, kann es skalieren. Am Ende ist es eine finanzielle Frage: Je mehr Geld da ist, desto mehr Leute können wir fördern.

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Das klingt alles super und auch diese Vision, dass jede:r einzelne Geförderte eben auch diese Region voranbringen wird. Lass mich euch eine abschließende Frage stellen, wie würdet ihr folgenden Satz vervollständigen: „Der Osten braucht diese Stiftung, weil…“

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Der Osten braucht diese Stiftung, weil wir so viele Herausforderungen vor uns liegen haben und wir dafür junge, engagierte, ambitionierte Menschen brauchen, die genau diese Herausforderungen aktiv mitgestalten.“

Beatrice von Braunschweig, Co-Founder der Initiative Studienstiftung des Ostens, freie Journalistin und Moderatorin
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Der Osten braucht eine Studienstiftung des Ostens, weil wir ein so großes Potenzial hier haben, das nur darauf wartet, entfaltet zu werden, um gemeinsam nicht nur in Ostdeutschland, sondern in ganz Deutschland eine richtig gute Zukunft zu bauen.“

Richard Künzel, Co-Founder der Initiative Studienstiftung des Ostens, Doktorand in Harvard und Dresden

Darf ich auch noch? Das kam mir jetzt ganz spontan.

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Der Osten braucht diese Studienstiftung des Ostens, weil sie ein großer Teil auch von Ostimismus ist und sein wird.“

Joerg G. Fieback, CEO & Co-Founder der zebra group

Vielen Dank für das Gespräch, vielen Dank für eure Zeit! zebra wünscht euch ganz viel Erfolg. Mehr Informationen zur Initiative gibt es auf der Website. Wer unterstützen möchte, ob mit Kontakten, Ehrenamt oder finanziell, kann sich direkt bei Beatrice und Richard über LinkedIn oder die Website melden.

Ihr/e Ansprechpartner/in

Joerg G. Fieback

Joerg G. Fieback

Geschäftsführender Gesellschafter

+49 (0) 371 539 170

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